Die durch einen räumlichen Audiowalk ergänzte Installation untersucht die Beziehung zwischen Menschen und Städten aus der Perspektive der Zeit. Sie erforscht, wie sich beide kontinuierlich verändern und wie sich die Zeitlinien von Individuen und Städten gelegentlich überschneiden, bevor sie sich wieder voneinander entfernen.
Die Ausstellung stellt zwei parallele Erzählungen gegenüber: die Veränderung einer Stadt und die persönlichen Geschichten von Menschen, die sich durch verschiedene Lebensphasen entfalten. Diese beiden Ebenen werden sowohl räumlich als auch klanglich erfahrbar.
Durch Interviews, persönliche Fotografien, Archivfotografien, Tonaufnahmen und transparente räumliche Schichten bewegt sich die Besucherin bzw. der Besucher gleichzeitig durch die Geschichte einer Stadt und den Lebensweg eines Menschen und erlebt dabei, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kontinuierlich ineinander übergehen. Matthias Mansens Holzschnittserie Potsdamer Strasse erscheint als konkretes Beispiel für diese Beziehung: Sie bewahrt einen einzelnen Moment der Begegnung zwischen einem Künstler und einer sich ständig verändernden Stadt.
The installation, complemented by a spatial audio walk. Explores the relationship between people and cities from the perspective of time.
It examines how both are constantly changing, and how the timelines of individuals and cities occasionally intersect before moving apart again. The exhibition presents two parallel narratives: the transformation of a city and the personal stories of individuals unfolding through different stages of life. These two dimensions are experienced through both space and sound. Through interviews, personal photographs, archival photographs, sound, and transparent spatial layers, visitors move simultaneously through the history of a city and the trajectory of a human life, experiencing how past, present, and future continuously merge into one another.
Matthias Mansen’s Potsdamer Strasse woodcut series serves as a concrete example of this relationship, preserving a single moment of encounter between an artist and a constantly changing city.
Der Ausgangspunkt des Projekts war eine grundlegende kuratorische Frage: Was passiert, wenn eine Ausstellung mit einem einzigen Kunstwerk beginnt und auf einem tiefen Verständnis dieses Werkes aufbaut? Wie können die historischen, persönlichen und zeitlichen Ebenen hinter einem Kunstwerk erforscht und anschließend durch eine Ausstellung für andere Menschen sichtbar und erfahrbar gemacht werden?
Ausgehend von dieser Frage begann ich, Matthias Mansens Holzschnittserie Potsdamer Strasse zu erforschen. Meine Recherche begann in der Sammlung und im Archiv der Kunsthalle Karlsruhe. Dort entdeckte ich die Arbeiten und begann mich immer mehr für die Prozesse zu interessieren, die zu ihrer Entstehung geführt haben. Mich interessierte auch die Beziehung zwischen dem Künstler, dem dargestellten Stadtraum und der Zeit. Um die Arbeiten besser zu verstehen, musste ich deshalb nicht nur die Holzschnitte selbst untersuchen. Ich beschäftigte mich auch mit der Arbeitsweise des Künstlers, seiner Beziehung zur Stadt, der Geschichte der Potsdamer Strasse und den Bedingungen, unter denen die Arbeiten entstanden sind.
Mit der Unterstützung der Mitarbeiter*innen der Kunsthalle Karlsruhe setzte ich meine Recherche zur Serie und ihrem Kontext fort. Danach nahm ich Kontakt zu Matthias Mansen auf und führte meine Recherche persönlich in seinem Studio weiter. Ich führte ein Interview mit ihm und sprach mit ihm über die Potsdamer Strasse-Serie, seine künstlerische Arbeit, seine Beziehung zum Stadtraum und seinen Arbeitsprozess. Während meines Besuchs in seinem Studio erstellte ich außerdem eine eigene Dokumentation seines Arbeitsraums, seiner Werkzeuge, Materialien und Arbeitsprozesse.
Im Laufe der Recherche wurde mir immer klarer, dass ein Kunstwerk nicht unabhängig von den Prozessen verstanden werden kann, durch die es entstanden ist. Die Holzschnittserie Potsdamer Strasse ist nicht nur eine Darstellung eines städtischen Ortes. Sie ist ein komplexer Treffpunkt zwischen der persönlichen Perspektive des Künstlers, der Geschichte der Stadt, den Veränderungen des Stadtraums und dem Vergehen der Zeit. Die Arbeiten bewahren einen bestimmten Moment, während sich der dargestellte Ort weiter verändert. Gleichzeitig verändern sich auch der Künstler selbst und die Bedeutung, die mit den Arbeiten verbunden ist. Das Kunstwerk kann deshalb als ein zeitlicher Schnittpunkt verstanden werden, an dem sich verschiedene Zeitlinien für einen kurzen Moment treffen.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Recherche war, dass ein tieferes Verständnis eines Kunstwerks auch ein Verständnis der Prozesse hinter dem Werk voraussetzt. Deshalb möchte das Projekt nicht nur die Potsdamer Strasse-Serie zeigen. Es versucht vielmehr, die verschiedenen Ebenen sichtbar zu machen, die hinter einem einzelnen Kunstwerk liegen: die Geschichte der Stadt, die persönliche und künstlerische Geschichte des Künstlers, den Entstehungsprozess des Werkes, die Recherche selbst und die Veränderungen, die im Laufe der Zeit zwischen dem Kunstwerk und dem dargestellten Ort entstanden sind.
Daraus entstand die wichtigste räumliche und ausstellungsbezogene Herausforderung des Projekts: Wie kann ein solch komplexes System aus verschiedenen Ebenen, die zeitlich und räumlich voneinander getrennt sind und gleichzeitig miteinander verbunden bleiben, in einem Ausstellungsraum klar und verständlich dargestellt werden? Wie können die verschiedenen Zeitlinien und Informationsebenen meiner Recherche nebeneinander gezeigt werden, ohne nur eine Sammlung von einzelnen Dokumenten zu werden? Stattdessen sollen die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ebenen für die Besucher*innen erfahrbar werden.
Die Ausstellung wird deshalb zu einem experimentellen Raum für diese Frage. Die räumliche Installation versucht, die verschiedenen Ebenen nicht in einer einzigen linearen Geschichte zu zeigen. Stattdessen werden sie nebeneinander und durch einander erfahrbar. Transparente Plexiglasschichten ermöglichen es den Besucher*innen, Elemente aus verschiedenen Zeitpunkten und verschiedenen Geschichten gleichzeitig wahrzunehmen. Die einzelnen Ebenen sind räumlich getrennt und überlagern sich trotzdem. Auch Stimmen und Geräusche bewegen sich von einem Raum in den nächsten. Dadurch bleiben verschiedene Geschichten und Zeitpunkte miteinander verbunden und vollständig voneinander getrennt.
Der Raum ist deshalb nicht nur ein Hintergrund für die Präsentation der Rechercheergebnisse. Er wird selbst zu einem Teil der Recherche. Die Ausstellung versucht, mit Hilfe des Raumes den komplexen Prozess sichtbar zu machen, durch den ich zu einem tieferen Verständnis eines einzelnen Kunstwerks gekommen bin. Die Besucher*innen bekommen keine einzige fertige und abgeschlossene Interpretation präsentiert. Stattdessen betreten sie einen Raum, in dem verschiedene Ebenen nach und nach sichtbar werden. Die Beziehungen zwischen diesen Elementen ermöglichen ein tieferes Verständnis des Kunstwerks.
Die zentrale Frage des Projekts ist deshalb nicht nur, was ein bestimmtes Kunstwerk bedeutet. Es geht auch darum, wie der Prozess des Verstehens eines Kunstwerks selbst zum Thema einer Ausstellung werden kann. Wie können historische, persönliche und zeitliche Ebenen, die durch die Recherche entdeckt wurden, in einen Raum übersetzt werden, ohne ihre Komplexität zu verlieren und gleichzeitig für die Besucher*innen klar und verständlich zu bleiben?
Das Projekt untersucht diese Frage anhand von Matthias Mansens Holzschnittserie Potsdamer Strasse. Dabei wird das Medium Ausstellung als ein Werkzeug verstanden, mit dem ein gesamter Rechercheprozess räumlich erfahrbar gemacht werden kann – ausgehend von einem einzigen Kunstwerk.
Extensive Description (en)
The starting point of the project was a fundamental curatorial question: What happens when an exhibition begins with a single artwork and is built around a deep and detailed understanding of it? How can the historical, personal, and temporal layers behind one artwork be explored and then made accessible and perceptible to others through an exhibition?
Starting from this question, I began researching Matthias Mansen’s woodcut series Potsdamer Strasse. My research began in the collection and archive of the Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, where I encountered the works and became increasingly interested in the processes that led to their creation, as well as in the relationship between the artist, the urban space depicted, and time. Understanding the works therefore gradually went beyond the woodcuts themselves. It became necessary to investigate the artist’s working methods, his relationship to the city, the history of Potsdamer Strasse, and the circumstances in which the works were created.
With the support of the Kunsthalle Karlsruhe staff, I continued researching the series and its context. I then established contact with Matthias Mansen and continued my research in person, visiting him in his studio. I conducted an interview with him in which we discussed the Potsdamer Strasse series, his artistic practice, his relationship to urban space, and his working process. During my studio visit, I also created my own documentation of his working environment, tools, materials, and artistic process.
During the research, it became increasingly clear to me that an artwork cannot be fully understood separately from the processes that led to its creation. The Potsdamer Strasse woodcut series is not simply a representation of an urban place. It is a complex meeting point between the artist’s personal perspective, the history of the city, changes in the built environment, and the passage of time. The works preserve a particular moment, while the place they depict continues to change. At the same time, the artist and the meaning connected to the works also continue to change. The artwork can therefore be understood as a point of intersection in time, where different timelines meet for a brief moment.
One of the most important insights of the research was that understanding an artwork on a deeper level also requires an understanding of the processes behind it. For this reason, the project does not simply aim to present the Potsdamer Strasse series. Instead, it attempts to make visible the different layers behind a single artwork: the history of the city, the personal and artistic history of the artist, the process of making the work, the research itself, and the changes that have taken place over time between the artwork and the place it represents.
This led to the main spatial and exhibition-related challenge of the project: How can such a complex system of layers, separated in time and space but still continuously connected, be presented clearly and perceptibly within an exhibition space? How can different timelines and layers of information discovered during the research be placed alongside one another without becoming simply a collection of separate documents, but instead allowing the relationships between them to become perceptible?
The exhibition therefore becomes an experimental space for this question. The spatial installation aims not to organise the different layers into one single linear narrative, but to make them perceptible alongside and through one another. Transparent plexiglass layers allow the visitor to experience elements belonging to different moments in time and different stories simultaneously. The layers are physically separated, yet they continuously overlap. In a similar way, voices and sounds move from one space into another, allowing different stories and moments in time to remain connected rather than completely separated.
The space therefore does not function simply as a background for presenting the results of the research. It becomes part of the research itself. The exhibition attempts to use space to represent the complex process through which I arrived at a deeper understanding of a single artwork. The visitor is not presented with one finished and closed interpretation, but enters a space in which different layers are gradually revealed. The relationships between these elements allow the artwork to be understood on a deeper level.
Ultimately, the central question of the project is not only what a particular artwork means, but also how the process of understanding an artwork itself can become the subject of an exhibition. How can historical, personal, and temporal layers discovered through research be translated into space without losing their complexity, while still remaining clear and accessible to the visitor? The project explores this question through Matthias Mansen’s Potsdamer Strasse woodcut series and uses the exhibition medium as a tool for transforming an entire research process into a spatial experience that begins with a single artwork.