Now or Nowhere ist ein Projekt, das die Frage stellt, ob Technologie aus einer Notwendigkeit heraus entsteht – oder ob ihre Notwendigkeit erst erkannt wird, nachdem sie bereits erschienen ist. Neue Geräte versprechen stets Effizienz, Verbesserung und nahtlose Konnektivität und behaupten, unser Leben leichter zu machen. Automatisierung lindert Müdigkeit, Konnektivität beseitigt Trennung, und Updates gleichen Unvollkommenheit aus. Doch was genau machen wir in diesem Prozess eigentlich bequemer – und was geben wir dabei stillschweigend aus der Hand?
Das Projekt schlägt drei virtuelle Geräte vor, die repetitive und scheinbar unbedeutende körperliche Handlungen stellvertretend für den Nutzer ausführen. AutoPresence ist ein Gerät, das aufgezeichnete Mausbewegungen wiedergibt und selbst in Abwesenheit des Nutzers kontinuierlich Spuren von Arbeit produziert. Ruhe wird nicht erkannt, und der Cursor hält niemals an. The Sixth Finger ist ein am Finger getragenes Wearable, das das Wischen auf dem Smartphone automatisiert und die vertraute Bewegung des Daumens durch einen zweiten Daumen ersetzt. Die Hand hält das Gerät weiterhin fest, doch die Handlung wird an die Maschine delegiert. Artificial Sweat Gland for Mobile Devices überträgt die Funktion der menschlichen Schweißdrüsen auf ein Kühlsystem für das Gerät und synchronisiert so die Temperatur von Körper und Gerät. Das Telefon verlässt die Hand nie.
Diese Geräte werden so präsentiert, als stünden sie kurz vor der Markteinführung. In Anlehnung an Produktpräsentationen und Werbeformate rahmt das Projekt alltägliche Gesten als Funktionen, die optimiert werden können. Werden die Besucherinnen im Ausstellungsraum zu potenziellen Konsumentinnen dieser Geräte – oder erkennen sie, dass sie bereits Konsument*innen sind?
Now or Nowhere is a project that asks whether technology emerges from necessity or whether its necessity is only recognized after it has appeared. New devices always promise efficiency, improvement, and seamless connectivity, claiming to make our lives lighter. Automation relieves fatigue, connectivity eliminates disconnection, and updates compensate for imperfection. So, in this process, what are we making more convenient, and what are we quietly handing over?
The project proposes three virtual devices that perform repetitive and minor physical actions on behalf of the user. AutoPresence is a device that replays recorded mouse movements, continuously producing traces of labor even in the user's absence. Rest is not detected, and the cursor never stops. The Sixth Finger is a finger-worn wearable that automates smartphone swiping, replacing the most familiar thumb movements with a second thumb. The hand still grips, but the action is delegated to the machine. Artificial Sweat Gland for Mobile Devices converts the hand's sweat gland function into a device cooling system, synchronizing the body's and device's temperatures. The phone never leaves the hand.
These devices are arranged as if they are ready for launch. Borrowing the format of product displays and promotional presentation, the project reframes everyday gestures as features to be optimized. In the exhibition space, do audiences become potential consumers in front of these devices, or do they become aware that they are already consumers?
Die Aufklärung („Enlightenment“) stellte den Menschen ins Zentrum des Denkens – doch Flechten („Lichen“) lehren uns eine andere Art der Weltwahrnehmung: relational, vernetzt, nicht-menschlich-zentriert. Als symbiotische Verbindungen von Pilzen und Algen oder Cyanobakterien verkörpern sie ein Denken jenseits des Individuellen: Sie sind mehr-als-menschliche Organismen, Holobionten, Netzwerke aus Kooperation und Anpassung. Sie gedeihen in extremen Umgebungen, überdauern Jahrhunderte und bilden fragile Ökologien,
die oft übersehen werden – und doch fundamentale Lektionen für unser eigenes Dasein bereithalten. Dieses transdisziplinäre Seminar bewegt sich zwischen Wissenschaft, Philosophie und Medienkunst. Eine Exkursion mit Lichenolog*innen macht uns mit der stillen, aber
hochkomplexen Existenz der Flechten vertraut. Meditative Audiowalks laden dazu ein, das Netzwerk dieser Lebensformen zu dokumentieren und sich mit ihrer Zeitlichkeit und Materialität zu verbinden. Durch das Lesen zentraler Texte von Lynn Margulis, Scott Gilbert, Donna Haraway und Anna Tsing hinterfragen wir Konzepte von Autonomie, Subjektivität und multispeziesalem Zusammenleben. Schließlich werden wir in einem Workshop das gesammelte Wissen in Medienkunstwerke überführen – als spekulative Antworten auf die ökologischen und philosophischen Herausforderungen unserer Zeit.
The Enlightenment placed humans at the centre of thought – but
lichens teach us a different way of perceiving the world: relational, interconnected,
non-human-centred. As symbiotic combinations of fungi and algae or cyanobacteria, they embody a way of thinking beyond the individual: they are more-than-human organisms, holobionts, networks of cooperation and adaptation. They
thrive in extreme environments, survive for centuries and form fragile ecologies
that are often overlooked – yet hold fundamental lessons for our own existence
.
This transdisciplinary seminar moves between science, philosophy and
media art. An excursion with lichenologists familiarises us with the quiet but
highly complex existence of lichens. Meditative audio walks invite us to document the
network of these life forms and connect with their temporality and
materiality. By reading key texts by Lynn Margulis, Scott Gilbert,
Donna Haraway and Anna Tsing, we question concepts of autonomy, subjectivity and
multispecies coexistence. Finally, in a workshop, we will transform the
knowledge we have gathered into media artworks – as speculative responses to the
ecological and philosophical challenges of our time.