Der Hermann-Levi-Platz, „Vorplatz“ des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, bleibt zwischen mehreren Großbaustellen voraussichtlich bis 2036 ein Ort des Übergangs. Vor diesem Hintergrund nimmt die temporäre „Raumintervention Paradies“ einen Dialog mit der urbanen Brache auf. Die Umbenennung des Platzes in ein „Paradies“ erprobt das Potenzial dieser Fläche als lebendigen, ökologischen und sozialen Raum, der zur Auseinandersetzung mit Natur, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft einlädt. Die Intervention gliedert sich in drei miteinander verbundene Orte des Verweilens, des Lernens und des Aus-Tauschens:
A) Biotopos – Paradies als Lernort
Die Installation inszeniert ein unbemerkt entstandenes Biotop am Rande des Platzes. Im Sinne Gilles Cléments Begriff der „dritten Landschaft“ bricht dieser wilde Ort mit geordneter Landschaftsarchitektur im urbanen Raum. Das großformatige Banner zeigt rund 200 ineinanderfließende Fotografien der Pflanzenvielfalt des Biotops, die als Brücke zwischen Realität und Imagination zu verstehen ist. Integrierte Gucklöcher rufen zur bewussten Betrachtung des Biotops auf. Ein QR-Code, der zu einem botanischen Archiv führt, ergänzt die Interaktion als digitalen Lernort.
B) Ein Steg zum Verweilen führt zu einer Insel: Paradies als Aufenthaltsraum
Inmitten von Beton und Baustellenlärm führt der inklusiv gestaltete Steg zu einer Plattform am Wasserbecken des Vorplatzes. Sitzelemente und schattenspendende Wimpel laden zum Verweilen ein. Der Steg ergründet so den Paradiesbegriff als Sehnsuchtsort, dem man sich zwar annähern kann, aber zu dem man stets auf Distanz bleibt. Die orangefarbene Leuchtschrift „Paradies“ vervollständigt als konkrete und abstrakte Größe das Bild eines sichtbaren, aber unerreichbaren Inselparadieses.
C) Feld und Pflanzentauschbörse am K-Punkt: Paradies als sozialer Raum
Bepflanzte Refarmkästen, bunte Sitzelemente und Schattenwimpel ergänzen die bereits vorhandenen entsiegelten Betonflächen und machen das Paradies als sozialen Raum und Ort der Interaktion erfahrbar. Im Mittelpunkt steht eine Pflanzentauschbörse, die neben dem Tausch auch die Pflege von Kräuterbeeten beinhaltet und die Idee des Paradieses als gemeinschaftlichen Prozess transportiert. Vergleichbar mit einem Ausstellungsraum laden die Sitzgelegenheiten zum Betrachten der Pflanzen ein.
Der szenografischen Intervention ging eine intensive Recherchearbeit voraus – bestehend aus Raumanalysen des Vorplatzes sowie der vorhandenen Vegetation, einer Besichtigung der Theaterbaustelle, Recherche zur Baugeschichte des Ortes und den städtischen Zukunftsplänen. Der Anspruch an eine möglichst nachhaltige Produktion hat den Prozess begleitet. Materialien wie die Wimpel und Elemente wie die Paletten und Sitzgelegenheiten wurden wiederverwendet und umfunktioniert.
Raumintervention Paradies wurde durch Studierende aller Studiengänge der HfG Karlsruhe entworfen und realisiert.
Schwarm #4 ist eine studentische Publikation mit künstlerischen und wissenschaftlichen Beiträgen aus verschiedenen Fachbereichen der HfG Karlsruhe, die sich mit dem Begriff „Realities“ auseinandersetzen.
Description (en)
Schwarm #4 is a student publication featuring artistic and academic contributions from various departments at the HfG Karlsruhe, which explore the concept of ‘Realities’.
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht Lars von Triers Film Melancholia als filmischen Denk-
und Wahrnehmungsraum, in dem sich Subjektivität unter Bedingungen einer als „absolute
Gegenwart“ beschriebenen Gegenwartsanalyse konstituiert. Der Begriff geht auf den von Marcus
Quent herausgegebenen Sammelband Absolute Gegenwart (2016) zurück. Dieser beschreibt
gegenwärtige Erfahrungs- und Zeitstrukturen als Spannungsfeld von Beschleunigung,
Bewegungsstarre und der Erosion von Differenz, verbunden mit einem Zustand der Ohnmacht, in
dem Handlung und Denken zunehmend eingeschränkt werden. Diese Analyse bildet den
Ausgangspunkt einer Perspektive, die den Film nicht als Illustration theoretischer Modelle versteht,
sondern ihn aus seiner eigenen Wahrnehmungslogik heraus erschließen möchte.
Im Zentrum steht die Melancholie als Wahrnehmungsmodus, der nicht als klinisch-pathologische
Depression verstanden wird, sondern als Transformation eines Weltbezugs, in dem sich die
Erfahrung des Anderen in eine verschobene und intensivierte Form der Zugänglichkeit ausbildet.
Der Planet Melancholia fungiert dabei nicht als äußeres Symbol, sondern als Schwellenfigur eines
paradoxen Außen, das zugleich Welt-Außen und inneres Außen des Subjekts ist. In dieser Struktur
erscheint das Andere nicht als stabile Gegeninstanz, sondern als entziehende Bewegung, die
Wahrnehmung affiziert, entsichert und verschiebt. Die melancholische Intention steht zu diesem
Außen in einer paradoxen Relation der Annäherung durch Nicht-Aneignung bzw. der Aneignung
im Modus des Nicht-Besitzes, in der sich ein virtuelles Gefüge des Sinnlich-Unsinnlichen eröffnet,
das den Raum der Erfahrung selbst reorganisiert.
Die Arbeit verbindet psychoanalytische Perspektiven (Sigmund Freud, Jacques Lacan) und
kulturphilosophische Ansätze der Melancholie (Giorgio Agamben) mit dem Denken Gilles
Deleuzes, das die zentrale theoretische Perspektive der Arbeit bildet. Im Zentrum stehen seine
Konzeption eines Begehrens jenseits von Subjekt und Objekt sowie seine Differenzphilosophie.
Ergänzend werden zeitdiagnostische Positionen von Byung-Chul Han und Alain Badiou sowie
weitere theoretische Perspektiven, unter anderem von Mark Fisher und Judith Butler, herangezogen.
Die Analyse des Films folgt einer Struktur aus Prolog und apokalyptischem Ereignis, zwischen
denen sich ein Erfahrungs- und Psychologieraum zwischen einem ersten und einem zweiten
Untergang eröffnet. Melancholia erscheint dabei als Versuchsanordnung, in der das Ende der Welt
als prekäre Schwelle erscheint, in der Wahrnehmung, Begehren und Weltverhältnis neu konfiguriert
werden. Ziel ist eine Lesart, in der Subjektivität gerade im Entwurf ihres Verschwindens ein
Vermögen der Öffnung gegenüber Alterität gewinnt.
This master's thesis examines Lars von Trier’s Melancholia as a cinematic space of thought and
perception in which subjectivity is constituted under the conditions of a temporal diagnosis
described in contemporary German theory as the “absolute Gegenwart” (literally: “absolute
present“). The term originates in Absolute Gegenwart (2016), an edited volume by Marcus Quent.
This volume describes contemporary structures of experience and temporality as a field of tension
between acceleration, stasis, and the erosion of difference, accompanied by a state of impotence in
which action and thought are increasingly constrained. This analysis serves as the point of departure
for an approach that does not treat the film as an illustration of theoretical models, but instead seeks
to engage it on the basis of its own logic of perception.
At the center of the analysis lies melancholy as a mode of perception, not understood as a clinical
pathology, but as a transformation of one’s relation to the world, in which the experience of the
Other is transformed into a shifted and intensified form of accessibility. The planet Melancholia
does not function as a symbolic object, but as a threshold figure of a paradoxical outside that is
simultaneously external to the world and internal to the subject. Within this structure, the Other no
longer appears as a stable counterpart, but as a movement of withdrawal that affects, destabilizes,
and displaces perception. The melancholic intention stands in a paradoxical relation to this outside,
characterized by an approach through non-appropriation, or appropriation in the mode of non-
possession, within which a virtual field of the sensible and the non-sensible emerges, reorganizing
the very space of experience.
The thesis combines psychoanalytic perspectives (Sigmund Freud, Jacques Lacan) and
philosophical approaches to melancholy (Giorgio Agamben) with the thought of Gilles Deleuze,
which constitutes the central theoretical framework of the study. Particular emphasis is placed on
his conception of desire beyond subject and object and on his philosophy of difference. In addition,
contemporary diagnoses of the present by Byung-Chul Han and Alain Badiou, as well as further
theoretical contributions by authors such as Mark Fisher and Judith Butler, are incorporated.
The analysis of the film follows a structure of prologue and apocalyptic event, within which an
experiential and psychological space unfolds between a first and a second downfall. Melancholia is
thus read as an experimental arrangement in which the end of the world appears as a precarious
threshold, in which perception, desire, and world relation are reconfigured. The thesis argues that
subjectivity gains its capacity for openness toward alterity precisely in the projection of its own
disappearance.
Über einem Quilt, der den Rhein in seiner natürlichen und begradigten Form zeigt, hängen fünf beleuchtete Laternen mit Motiven aus Calibans Leben, eine schwarze Fähre und ein Schwarm Tigermücken. Begleitet wird die Installation von einem Soundstück. Gemeinsam erzählen die Elemente die Geschichte Calibans, der versucht, sich in einer Welt zu orientieren, deren Kategorien nicht ausreichen, um seine Erfahrung zu beschreiben.
Die Arbeit folgt zunächst der Logik des Märchens vom hässlichen Entlein. Die wiederholte Begegnung mit dem Anderen wird dort als Erfahrung von Ablehnung erzählt. Erlösung verspricht erst die Begegnung mit den eigenen Gleichen. Das Märchen entwirft damit eine Vorstellung von Identität und Zugehörigkeit, die auf Ähnlichkeit beruht und die Welt in klare Kategorien von Eigenem und Anderem ordnet.
Anhand der Figur Caliban untersucht die Arbeit, was geschieht, wenn Zugehörigkeit und Identität nicht durch Herkunft, Ähnlichkeit oder Ankunft hergestellt werden können.
Während der Schriftsteller und Denker Édouard Glissant Identität als etwas versteht, das in Beziehung entsteht und sich fortwährend verändert, folgen auch die afroamerikanischen mündlichen Erzählungen um die Trickster-Figur Brer Rabbit keiner endgültigen Auflösung. Anders als im Märchen vom hässlichen Entlein führt die Suche hier nicht zu einem Zustand dauerhaften Gleichgewichts. Stattdessen offenbart sich eine andere Logik, in der Identität und Zugehörigkeit nicht durch die Begegnung mit den eigenen Gleichen entstehen, sondern durch fortwährende Beziehungen, Verschiebungen und Neuorientierungen.
Suspended above a quilt depicting the Rhine in both its natural and canalized form are five illuminated lanterns featuring scenes from Caliban's life, a black ferry, and a swarm of tiger mosquitoes. The installation is accompanied by a sound piece. Together, these elements tell the story of Caliban, who attempts to navigate a world whose categories are insufficient to describe his experience.
The work initially follows the logic of The Ugly Duckling. In the fairy tale, repeated encounters with the Other are experienced as rejection. Redemption is promised only through the encounter with one's own kind. The story thus presents an understanding of identity and belonging based on similarity, dividing the world into clear categories of self and other.
Through the figure of Caliban, the work explores what happens when belonging and identity can no longer be established through origin, similarity, or arrival.
While the writer and thinker Édouard Glissant understands identity as something that emerges through relation and is constantly transformed, the African American oral tales surrounding the trickster figure Brer Rabbit likewise resist any final resolution. Unlike The Ugly Duckling, the search does not lead to a lasting state of equilibrium. Instead, another logic emerges, in which identity and belonging are shaped not through the encounter with one's own kind, but through ongoing relations, shifts, and reorientations.
In this project, I examine how the male gaze is built within AI systems content moderation , where censorship and sexualization coexist. Drawing from Anselm Feuerbach’s 1852 painting Hafis vor der Schenke, depicting the poet Hafez and two silent women, the work poses the question: if freed from spectatorship, what voices might they reveal? This two-channel video installation reimagines the scene through AI video generation and live narration. Referencing Valerie Solanas’s S.C.U.M. Manifesto, it reflects on how Gen-AI, governed by moral bias, mirrors a patriarchal worldview - still defining what is visible and what must remain unseen.
Description (en)
THE (A)RB(I)TER
In this project, I examine how the male gaze is built within AI systems content moderation , where censorship and sexualization coexist. Drawing from Anselm Feuerbach’s 1852 painting Hafis vor der Schenke, depicting the poet Hafez and two silent women, the work poses the question: if freed from spectatorship, what voices might they reveal? This two-channel video installation reimagines the scene through AI video generation and live narration. Referencing Valerie Solanas’s S.C.U.M. Manifesto, it reflects on how Gen-AI, governed by moral bias, mirrors a patriarchal worldview - still defining what is visible and what must remain unseen.
Umpolen ist ein Kollektiv das leerstehende Räume in Karlsruhe nutzt, um temporäre, nicht-kommerzielle Orte der Begegnung und des Austauschs zu schaffen. Sie dienen als kurzfristige soziokulturelle Veranstaltungs- und Ausstellungsräume, aber auch einfache Treffpunkte. Im Januar 2026 bespielte Umpolen für eine Woche eine ehemalige Wohngemeinschaft in der Karlsruher Südstadt und widmete sich Fragen von Freund*innenschaft und Distanz. Dazu gab es Workshops, “Küche für Alle”, Filmvorführungen, Konzerte und Lesungen.
Seit Mai 2026 baut Umpolen einen temporären Nachbar*innenschaftstreff und Kulturort im ehemaligen Löwenbräukeller in der Karlsruher Weststadt auf. Ausgangspunkt ist jedes Mal der Raum selbst, von dem aus sich das Kollektiv dem Thema Nachbar*innenschaft widmen will. Die Orte stellen eine Brücke zwischen sozialem Raum, Werkstatt, Arbeitsraum, Ausstellungsraum, Garten und versuchen Menschen in Dialoge miteinander zu setzen. Dabei arbeitet Umpolen sowohl mit lokalen Initiativen als auch mit Menschen außerhalb Karlsruhes zusammen und entwickelt Formate, die gegenseitiges Lernen, Gespräche und Beisammensein ermöglichen.
Im ehemaligen Löwenbräukeller wird versucht im Alltag Strukturen zu schaffen in dem die Nachbar*innenschaft nicht nur fremde Gesichter bleiben, sondern Mitmenschen sind, mit denen man solidarisch lebt und in Kontakt tritt.
Der Raum ist zwei mal die Woche geöffnet und bespielt manchmal mit Programm manchmal als reinen Treffpunkt den Ort und beschäftigt sich auch mit den Erinnerungen, die an den Ort geknüpft sind.
Umpolen hat sich als Kollektiv im Sommer 2025 gegründet und besteht aus Studierenden der Studiengänge Ausstellungsdesign und Szenografie, Kunstwissenschaft und Medienphilosophie und Kommunikationsdesign von der HfG, Studierenden der Kunstakademie und Menschen aus Karlsruhe, die zusammengekommen sind um Gemeinschaft und Kulturarbeit in Karlsruhe zugänglich zu machen. Umpolen arbeitet zudem fest mit Radio ShbShb zusammen, die die Veranstaltungen live online übertragen.
Umpolen is a collective that uses vacant spaces in Karlsruhe to create temporary, non-commercial places for people to meet and exchange ideas. These spaces serve as short-term venues for sociocultural events and exhibitions, as well as simple gathering places. In January 2026, Umpolen took over a former shared apartment in Karlsruhe’s Südstadt neighborhood for a week and explored questions of friendship and distance. The event featured workshops, “Kitchen for All,” film screenings, concerts, and readings.
Since May 2026, the collective has been setting up a temporary neighborhood gathering place and cultural space in the former Löwenbräukeller in Karlsruhe’s Weststadt district. Each time, the starting point is the space itself, from which Umpolen aims to explore the theme of neighborliness. These spaces serve as a bridge between social space, workshop, workspace, exhibition space, and garden, and aim to bring people together in dialogue. In doing so, Umpolen collaborates with both local initiatives and people outside of Karlsruhe, developing formats that facilitate mutual learning, conversation, and socializing.
At the former Löwenbräukeller, Umpolen strives to create structures in our daily lives where neighbors aren’t just strangers, but fellow human beings with whom we live in solidarity and connect.
The space is open twice a week and serves as a venue, sometimes hosting events, sometimes simply as a gathering place, while also engaging with the memories tied to the location.
Umpolen was founded as a collective in the summer of 2025 and consists of students from the HfG and the Art Academy, as well as people from Karlsruhe who have come together to make community and cultural work accessible in Karlsruhe. Umpolen also collaborates closely with Radio ShbShb, which broadcasts the events live online.
Im Januar 2026 in der Rüppurerstr. 14, 76137 Karlsruhe
von Mai bis Oktober 2026 in der ehemaligen Gaststätte Löwenbräukeller in der Sophienstraße 95, 76135 Karlsruhe
„Rote Saat“ ist eine installative Arbeit, die sich mit dem Verschwinden traditioneller Nutzpflanzen in Deutschland und der Bedeutung von Saatgutbanken als lebendige Archive auseinandersetzt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung eines drastischen Rückgangs der Sortenvielfalt seit dem 20. Jahrhundert, bedingt durch industrielle Landwirtschaft, gesetzliche Regulierungen und die Konzentration auf wenige Hochleistungssorten. Viele regional angepasste Landsorten erfüllen heutige Zulassungskriterien nicht mehr und sind dadurch aus dem Anbau verschwunden. Die Arbeit nimmt diese Entwicklung zum Anlass, um Prozesse der Erhaltung und Weitergabe von Saatgut sichtbar und erfahrbar zu machen.
Sie entstand im Kontext einer künstlerischen Recherche zu agrarökologischen Praktiken, Saatgutpolitik und kollektiven Formen der Wissensweitergabe. Ausgangspunkt war die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen in Karlsruhe, insbesondere der Solidarischen Landwirtschaft KArotte, dem Sozialen Garten (afka) sowie der Genbank für Wildpflanzen für Ernährung und Landwirtschaft (WEL).
Im Mittelpunkt steht eine 8-Kanal-Soundinstallation, die den Übergang vom Winter zum Frühling auf den Feldern der Solidarischen Landwirtschaft dokumentiert. Die Komposition verbindet Umgebungsgeräusche der Jahreszeiten mit Arbeitsgeräuschen auf dem Feld und der Saatgutaufbereitung: das Umgraben der Erde, das Sieben und Reinigen der Samen, das Abdecken der Beete. Die Konzentration auf kleinste Handgriffe lenkt die Aufmerksamkeit auf die oft unsichtbaren Praktiken, die für den Erhalt von Saatgut notwendig sind.
Ergänzt wird die Soundinstallation durch eine Reihe räumlicher Elemente, die unterschiedliche Formen des Umgangs mit Saatgut aufgreifen. Fünf gefährdete Nutzpflanzensorten aus Baden-Württemberg, die in der Roten Liste geführt werden, sind offen ausgestellt. Sie können berührt, mitgenommen und wieder ausgesät werden.
Auf einem 25 Meter langen Landwirtschaftsnetz werden dokumentarische Videoaufnahmen gezeigt, die die Arbeit von Saatgutbanken und lokalen Initiativen in Karlsruhe in ihren wiederkehrenden Abläufen sichtbar machen.
Ein weiteres Element ist eine Pflanzentransportkiste, die sich formal an den historischen Ward’schen Kasten anlehnt. Dieses im 19. Jahrhundert entwickelte Transportmittel ermöglichte den globalen Austausch von Pflanzen unter kontrollierten Bedingungen und war eng mit kolonialen Handelsstrukturen verknüpft. In der Installation dient der Kasten als Display für die Geschichte der Alb-Linse, einer regionalen Sorte von der Schwäbischen Alb, die lange als verschollen galt und erst durch eine Saatgutbank in Sankt Petersburg wiederentdeckt wurde. Die Arbeit stellt damit lokale landwirtschaftliche Praktiken in einen größeren politischen Zusammenhang und zeigt, dass pflanzliche Vielfalt nur durch gemeinsames Handeln erhalten bleibt.
Schälfurnier ist eine der wenigen Holzgewinnungsmethoden,
die sich an der natürlichen, runden Form des
Baumes orientiert. Ein zuvor entasteter und gedämpfter
Stamm rotiert horizontal gegen eine lange Klinge
ähnlich einem Spitzer für Stifte.
Dabei entsteht eine kontinuierliche Bahn aus Holz.
Da keine klassische Sägemechanik zum Einsatz
kommt, fällt kaum Staub an und es entsteht nahezu
kein Materialverlust durch Sägeschnitte. Durch das rota torische
Arbeiten am runden Stamm ist der Materialertrag
besonders effizient. Im Vergleich zum Aufsä gen
eines Stammes im Sägewerk bei dem ein runder
Stamm in eckige Massivholzteile zerlegt wird
liegt der Ertrag etwa 30–40 % höher.
Furnier wird meist dekorativ eingesetzt, um Oberflächen
aufzuwerten. Eine tragende Rolle erhält es vor
allem in sperrverleimten Schichtwerkstoffen, in de nen
es im Verbund überraschende Stabilität und gestalterische
Flexibilität entwickelt.
Durch kleine Interventionen im Produktionsprozess
lässt sich das Furnier nicht nur als einzelne Blätter,
sondern als kontinuierliche Rolle mit definiertem Maß
entnehmen. Diese Rolle bildet den Ausgangspunkt
und Rohstoff für eine Möbel-Kleinserie.
Die Serie „2.5“ untersucht die strukturellen Möglichkeiten
dieses Materials durch eine Neuinterpretation
klassischer Verarbeitungsmethoden.
2.5.H1
Ein Hocker mit zweifach gekrümmter Sitzschale aus
form verleimtem Furnier. Ein extrudierter Kantenanleimer
setzt sich spiralförmig im Inneren fort und bildet
eine tragende Struktur. Die durch die Geometrie der
Sitzschale entstehende Schattenfuge zum Boden legt
zugleich die textile Erscheinung der natürlichen Verwerfungen
offen, die im Furnier während des Trocknungsprozesses
entstehen.
2.5.R1
Ein Wandregalsystem, das die Kontinuität der Furnierrolle
nutzt, die durch ihr frühzeitiges Entnehmen im
Produktionsprozess möglich wird. Eine dünne Sperrschicht stabiisiert
die Faserstruktur und nimmt Zugkräfte
auf die sie zu den frei Plazierbaren Klemmträgern leitett. So bleibt eine
minimale Materialstärke bei maximaler Flexibilität
erhalten. Frei platzierbare Regalträger ermöglichen eine
spielerische Gestaltungsfreiheit und erzeugen ein
leichtes, dennoch tragfähiges Regalsystem mit geringem
Materialeinsatz.
2.5.R2
Ein Wandregal, das die Querfasern des Furniers entlang
der kurzen Seite nutzt. Was zunächst wie eine Schwäche
erscheint, ermöglicht durch die Sicherung der Kanten
eine hohe Stabilität bei sehr geringer Materialstärke.
Die Fixierung erfolgt ausschließlich entlang der Wandseite.
Natürliche Verwerfungen im Material erzeugen
dabei eine spannungsreiche Interaktion zwischen den
Furnierschichten und eine ausdrucksstarke Stirnseite.
2.5.S1
Der Sessel verbindet Formverleimung mit Prinzipien des
Kassettenbaus. Querfaseriges Furnier leitet Kräfte
direkt zu zwei tragenden Längsfriesen. An besonders
belasteten Stellen verdoppelt sich das Material, ohne
zwingend verklebt zu werden. Windungen unter der Sitzfläche
legen die Konstruktion offen. Starre Verbindungen
entstehen nur dort, wo sie notwendig sind, sodass
die Flexibilität des Materials vollständig genutzt wird
und Komfort sowie eine natürliche Dämpfung entstehen.
Rotary-cut veneer is one of the few methods of wood processing that follows the tree’s natural, cylindrical form. A debarked and steamed log rotates horizontally against a long blade, much like a pencil being sharpened. This process produces a continuous sheet of wood.
Because no conventional sawing is involved, very little dust is generated and material loss through saw kerfs is virtually eliminated. By working directly with the round log, the process achieves a particularly high material yield. Compared to sawing a log into rectangular timber sections in a sawmill—where a cylindrical trunk is converted into square lumber—the yield is approximately 30–40% higher.
Veneer is most commonly used as a decorative surface material. Its structural potential is typically realized in engineered wood products such as plywood and laminated composites, where thin layers of veneer combine to create remarkable strength and design flexibility.
With minor interventions in the production process, veneer can be extracted not only as individual sheets but also as a continuous roll of defined dimensions. This roll becomes both the starting point and the raw material for a small furniture collection.
The 2.5 series explores the structural possibilities of rotary-cut veneer through a reinterpretation of traditional manufacturing techniques.
2.5.H1
A stool featuring a doubly curved seat shell made from molded veneer. An extruded edge band continues in a spiral within the interior, forming the load-bearing structure. The shadow gap created between the seat shell and the floor reveals the textile-like appearance of the natural distortions that develop in the veneer during the drying process.
2.5.R1
A wall-mounted shelving system that takes advantage of the continuity of the veneer roll, made possible by removing the material early in the production process. A thin backing layer stabilizes the fibre structure and absorbs tensile forces, transferring them to freely positionable clamping supports. This allows for minimal material thickness while maintaining maximum flexibility.
The movable supports enable playful customization and create a lightweight yet load-bearing shelving system with a minimal use of material.
2.5.R2
A wall shelf that exploits the cross-grain properties of veneer along its shorter dimension. What initially appears to be a weakness becomes a source of strength: by reinforcing the edges, high stability can be achieved despite the extremely thin material.
The shelf is fixed exclusively along the wall side. Natural deformations within the material create a dynamic interaction between the veneer layers and result in a distinctive and expressive edge profile.
2.5.S1
This lounge chair combines molded veneer construction with principles derived from box-beam structures. Cross-grain veneer transfers loads directly to two longitudinal structural rails. In highly stressed areas, the material doubles in thickness without necessarily being bonded, allowing the construction to remain efficient and adaptable.
The layered folds beneath the seat expose the structural logic of the piece. Rigid connections are used only where structurally required, allowing the material’s inherent flexibility to be fully utilized. The result is a chair that offers comfort, natural damping, and an honest expression of its construction.
Obwohl die Medienkunst in der zeitgenössischen Kultur zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist sie in institutionellen Sammlungen immer noch unterrepräsentiert. Die schnelle technologische Entwicklung von Hard- und Software sowie geplante Obsoleszenz stellen die Konservierung vor große Herausforderungen. Seit den 1960er Jahren hat sich die westliche Kunst von objektbasierten hin zu performativen und prozessorientierten Formen gewandelt. Dies wurde von einem Paradigmenwechsel in der Konservierungstheorie begleitet, in der Konzepte und Subjekt stärker gewichtet werden als Materialität und Objekt. Museen und der Kunstmarkt haben jedoch Schwierigkeiten, ihre Sammelpraktiken entsprechend anzupassen. In dieser Arbeit werden die Herausforderungen der Integration von Medienkunst in institutionelle Kontexte untersucht und der Bedarf an theoretischen und praktischen Anpassungen betont. Ziel ist es, Strategien zur nachhaltigen Einbindung technologisch vermittelter Kunstwerke in Sammlungen und das kulturelle Gedächtnis zu entwickeln. Im Fokus steht dabei das ZKM in Karlsruhe als führende Institution der Medienkunstkonservierung. Auf Basis interdisziplinärer Forschung und Interviews werden zentrale Themen wie Interaktivität, Variabilität, Authentizität, Zeitlichkeit und der Wandel des Kunstobjekts analysiert.
Media art, despite its growing prominence in contemporary culture, remains underrepresented in institutional collections. Rapid technological obsolescence—affecting both hardware and software—poses major challenges for preservation. Since the 1960s, Western art has shifted from object-based works toward performative and process-oriented practices, paralleled by changes in conservation theory that prioritize concepts and subject over object and materiality. However, museums and the art market have struggled to adapt their collecting practices to these developments. This thesis examines the challenges of integrating media art into institutional contexts, emphasizing the need for conceptual and theoretical shifts in both museum practices and art theory. It aims to describe the strategies for incorporating technologically mediated artworks into collections and cultural memory. The study focuses on the ZKM (Center for Art and Media) in Karlsruhe, a leading institution in media art preservation. Through analysis of its frameworks and interdisciplinary research including interviews, the thesis explores key themes like interactivity, variability, authenticity, temporality, and the evolving nature of the art object.
Kunstpublikationen und Multiples (Auflagenobjekte) der 1960er Jahren weisen strukturelle und konzeptuelle Parallelen auf, die in dieser Arbeit als Ausdruck selbstorganisierter künstlerischer Praxis zu verstehen sind. Ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem etablierten Kunstsystem entstanden in dieser Zeit alternative Formate der Produktion und Distribution, die auf Vervielfältigung, Partizipation und Autonomie basierten. Anhand exemplarischer Fallbeispiele, darunter die intermedialen Publikationsobjekte "dokumentation b", die "Edition Et", die Zeitschriften "spirale" und "rot" sowie die Multiples der Edition "MAT" und die Serienobjekte der "Gruppe X", wird gezeigt, wie sich die entsprechenden Werkformen als kuratorische, serielle und partizipative Medien positionieren lassen. Die Arbeit kontextualisiert diese Formate sowohl medienästhetisch als auch kulturpolitisch und versteht sie als materielle Strategien der Selbstorganisation. Sie argumentiert, dass Kunstpublikationen und Multiples nicht nur als Ausdruck einer alternativen Öffentlichkeit fungierten, sondern mit ihnen auch frühe Modelle einer dezentralen künstlerischen Infrastruktur entwickelt wurden. Diese Betrachtung ermöglicht eine genealogische Neubewertung des Multiples, indem sie sich vom etablierten, auf Marcel Duchamp fixierten Diskursrahmen löst und eine weiter gefasste Perspektive eröffnet.
Art publications and multiples from the 1960s share structural and conceptual parallels that can be understood in this work as expressions of self-organized artistic practice. Based on a critical examination of the established art system, alternative formats of production and distribution emerged during this period that were based on reproduction, participation, and autonomy. Using exemplary case studies, including the intermedia publication objects "dokumentation b", "Edition Et", the magazines "spirale" and "rot", the multiples of Edition "MAT", and the serial objects of "Gruppe X", this work shows how the corresponding forms of work can be positioned as curatorial, serial, and participatory media. The work contextualizes these formats both in terms of media aesthetics and cultural politics and understands them as material strategies of self-organization. It argues that art publications and multiples not only functioned as expressions of an alternative public sphere, but also served to develop early models of a decentralized artistic infrastructure. This perspective enables a genealogical reassessment of the multiple by breaking away from the established discourse framework centered on Marcel Duchamp and opening up a broader perspective.
Forest Souvenirs ist ein modulares System langlebiger Verbindungselemente, das aus ausrangierten Aluminium-Autofelgen gefertigt wird und recyceltes Metall mit von den Nutzer:innen gesammelten, ausgewählten und bearbeiteten Holzästen kombiniert. So entstehen flexible Alltagsobjekte wie Stühle, Lampen, Garderoben oder Kleiderhaken aus lokal gefundenen Materialien. Statt fertiger Produkte bietet das System eine einfache, robuste metallische Schnittstelle, die zur aktiven Aneignung einlädt. Die leimfreien, wiederverwendbaren Verbinder ermöglichen den Aufbau ohne spezielle Werkzeuge oder Vorkenntnisse und machen Materialkreisläufe im Gebrauch unmittelbar erfahrbar.
Forest Souvenirs versteht sich als offenes, zirkuläres Designsystem zwischen industrieller Logik und naturbasiertem Gestalten. Es verlängert nicht nur Materiallebenszyklen, sondern schafft eine hybride Formensprache, die den Archetyp des selbstgebauten Möbels neu interpretiert. Die entstehenden Objekte sind keine fixen Produkte, sondern wandelbare Konfigurationen – ein kontinuierlicher Dialog zwischen Material, Umwelt und Nutzer:innen, die zu Co-Designer:innen werden und eine stärkere emotionale Bindung sowie ein vertieftes Materialbewusstsein entwickeln.
Forest Souvenirs reimagines our relationship with everyday objects by bridging industrial production and nature-based making. Rooted in humanity's earliest practices of sourcing and shaping materials from the immediate environment, the project responds to the detachment created by global industrialization. Instead of offering finished products, it transforms a discarded aluminum car rim into a modular system of nine durable connectors, each made from 100% recycled material. These elements serve as a simple yet precise interface, enabling users to combine them with wooden branches they collect, select, and shape themselves.
Through this process, found materials become functional objects such as chairs, lamps, coat racks, hangers, or even a walking cane. Assembly requires no adhesives or specialized tools, making the system accessible, reusable, and fully recyclable. The mono-material aluminum ensures a closed material cycle, while the organic variability of wood introduces uniqueness and adaptability. Each object becomes a reflection of its maker and its environment.
Forest Souvenirs places the user at the center of creation. The act of gathering wood becomes an intentional journey—an invitation to slow down, step outside urban routines, and reconnect with nature. Walking replaces driving, making replaces consuming. This participatory approach fosters emotional attachment, material awareness, and a deeper appreciation for resources and processes.
By merging industrial logic with the archetype of self-crafted furniture, the project establishes a hybrid design language that is both contemporary and timeless. The aluminum connector acts as a threshold between two worlds: standardized production and organic growth. In doing so, Forest Souvenirs challenges conventional systems of consumption and proposes an alternative grounded in reuse, care, and engagement.
Ultimately, the project reframes everyday objects as evolving, personal artifacts. It empowers users as co-designers and encourages a shift from passive consumption toward active participation—offering not just objects, but meaningful experiences and a renewed connection to our surroundings.